Art Brut – wahnsinnig schöne Kunst im TOWER OF POWER

Art Brut – wahnsinnig schöne Kunst im TOWER OF POWER
Art Brut ist in Österreich durch die Künstleraktivitäten der ehemaligen Psychiatrischen Klinik in Gugging bei Klosterneuburg bekannt geworden. In den Gebäuden des Gugginger Krankenhauses ist heute Österreichs jüngst gegründete Forschungs-Exzellenzuniversität untergebracht. Auf dem Gelände geblieben sind die Ausstellungshallen und das Haus der Künstler, in deren Ateliers Kunst der Gattung Art Brut entsteht und gezeigt wird. Gugging ist bzw. war der Heimatstandort vieler, auch international bekannter Künstler wie z. B. Oswald Tschirtner, Heinrich Reisenbauer, Johann Korec, Johann Hauser, Franz Kernbeis, Johann Fischer, August Walla u. v. a.

Art Brut (im Amerikanischen Outsider Art, in England Raw Art) ist eine Bezeichnung für autodidaktische Kunstwerke, die abseits des etablierten Kunstsystems entstanden sind, oft von psychisch gestörten Menschen, von mehrfach behinderten Menschen, von Gefangenen oder schlicht von gesellschaftlich Unangepassten (Außenseitern).
Die deutsche Bedeutung von Art Brut lautet in etwa rohe, unverfälschte oder unvermittelte Kunst. Im französischen Original klingt, wie wir vom Champagner wissen, die Nebenbedeutung eines herben, unverfälschten Geschmacks durch. Der Begriff wurde 1945 vom französischen Maler und ehemaligen Weingroßhändler Jean Dubuffet geprägt. Da Art Brut in engem Zusammenhang zu Dubuffets kunsttheoretischen Anschauungen steht und stilistische Anlehnungen in seinem Werk unübersehbar sind, wird diese Bezeichnung oft fälschlicherweise mit dessen eigenen Kunst identifiziert. Viel wichtiger ist jedoch die Verbindung zu seiner Funktion als Sammler. Viele Kunstsachverständige haben, nicht zuletzt auch als Sammler, nach Dubuffet dazu beigetragen, dass Art Brut als Kunstgattung mit eigener Legitimität heute hoch anerkannt und im offiziellen Ausstellungsgeschehen vertreten ist. In Österreich gilt z. B. Arnulf Rainer als einer der prominentesten Besitzer einer umfangreichen Kollektion von Art-Brut-Kunst.
Eine Ausstellung von Kunst vor allem von behinderten KünstlerInnen an einem Ort wie dem Wiener Narrenturm auszurichten, kann, ja muss man auch als einen provozierenden Anlass zur Diskussion der Geschichte und Wandlungen dieses ersten staatlichen Irrenhauses in Europa verstehen. Liefert doch der Narrenturm seit seiner Erfindung im Jahr 1784 als ein Projekt der Aufklärung eine Projektionsfläche zum Verständnis dessen, was man unter Behinderung und Abnormalität – wo ist die Grenze zwischen normal und nicht normal? - zu verstehen hat. Zuletzt und in einem grausamen Tatszenarium waren es die Misshandlungen der Abnormen im Dritten Reich unter dem Dach einer Ideologie, die in der Ausmerzung von so bezeichnetem lebensunwerten Leben mündete und unter dem gleichen ideologischen Bogen in der Desavourierung von als nicht schön erachteter, somit entarteter Kunst und ihrer Verbannung aus den Museen.
Im Verbund mit fünf österreichischen Ateliers, in denen täglich Außenseiterkunst entsteht, unternimmt die auf aktuelle Art-Brut-Produktionen spezialisierte Wiener Galerie KoKo den Versuch, dem historischen und aus vielen Köpfen von Zeitgenossen immer noch nicht entschwundenen Wahn der Ausgrenzung von behinderten Menschen und ihrer Kunst bewusst eine Werkschau entgegenzusetzen, die das ganze Spektrum von etablierter und am Kunstmarkt gehandelter Art Brut bis hin zu unfertiger, noch nicht anerkannter und zum Teil als Work in Progress zu klassifizierender Kunst vorstellen wird.
Die gezeigten Werke stammen aus den Ateliers ARTelier Lustenau, Vorarlberg, bild.balance der sozialen Dienstleistungsorganisation Balance in Wien, Atelier der Werkstätten der Caritas in Rannersdorf, NÖ, und des psychosozialen Zentrums der Caritas in Wien sowie des Ateliers des Diakoniewerks in Gallneukirchen in OÖ. Die Trägerorganisationen aller dieser Einrichtungen stehen nach Artikel 7 der österreichischen Bundesverfassung dafür ein und demonstrieren dies hier mit den künstlerischen Arbeiten aus ihren Ateliers, dass es ein Grundrecht aller Menschen ist, gleichberechtigt und ohne Diskriminierung in der Gesellschaft zu leben.

Zum Auftakt des Sommerprogramms Tower of Power am 26. Juni 2010 findet um 16 Uhr die Vernissage zu dieser bis zum 12. August 2010 stehenden Ausstellung statt. VertreterInnen der beteiligten Ateliers und die Mehrzahl der ausgestellten KünstlerInnen werden anwesend sein.
Den Part des Sammlers und zugleich Sachverständigen in Sachen Art Brut nimmt Prof. Arnulf Rainer wahr, aus dessen eigener Sammlung seine Tochter Clara Fuentes Avila Musterstücke vorstellen und erläutern wird. Das Programm sieht neben Ansprachen von angefragten öffentlichen Prominenten auch kurze und informative Vorträge seitens der Leiterin des Narrenturms, Dr. Beatrix Patzak, und des Galeristen Prof. Günter Koch, sowie den Rundgang (hier ganz im wörtlichen Sinne) durch die Sommerausstellung im runden Wiener Gugelhupf vor.

Kunst von Menschen mit Behinderung soll gesehen werden … und soll gefallen oder auch nicht. Sie kann als eigene Form existieren, auf jeden Fall verdient sie Aufmerksamkeit. Sie und ihre SchöpferInnen dürfen kritisiert oder auch bemitleidet werden - wie alle anderen nicht behinderten KünstlerInnen auch. Inwieweit diese Kunst in der Lage ist, Menschen zum Umdenken über das, was behinderte Menschen zu schaffen fähig sind, einzuladen, weiß ich nicht. Vielleicht sollten wir beginnen, Art Brut als natürlichste Sache der Welt zu sehen – nach dem Motto: Menschen mit Behinderung haben alle Rechte und Möglichkeiten wie Menschen ohne Behinderung. Schlussendlich geht’s um Gleichstellung.
Isabella Winter, Leiterin des Ateliers der Caritas in Rannersdorf

www.galerie-koko.at